
"Ich glaub, niemand kennt einen so gut wie die eigenen Geschwister. Niemand kennt all deine schlechten und all deine gute Seiten so gut wie dein Bruder oder die Schwester " sagte unlängst eine sehr sehr nette alte Dame zu mir. Und ich glaube, sie hat recht mit dieser Behauptung.
Ich habe das große Glück, zwei Schwestern zu haben. Eine ältere, von der mich nicht ganz zwei Jahre trennen und eine jüngere, die fast zehn Jahre jünger ist als ich.
Die Älteste kannte mich schon sei jeher besser als ich mich selbst. Sie wusste immer schon vor mir, welcher Bursch mein nächster Freund sein wird, sie wusste schon vor mir, dass mein jetziger Mann derjenige sein wird, mit dem ich mein Leben teilen werde.
Sie hatte schon immer ein Gespür für Menschen im Allgemeinen, für Stimmungen und Schwingungen, die von anderen ausgehen. Sie war früher mein Ruhepol, nichts und niemand konnte sie aus dem Konzept bringen.
Und auch heute ist sie noch die Ruhe in Person. Selten kommt es vor dass sie die Nerven verliert, auch noch so viel Trubel rundherum - sei es in der Arbeit, durch die beiden wundervollen Kinder, ihre beiden zuckersüßen Hunde, ihre Ausbildung - kann ihr nichts anhaben.
Natürlich haben wir in unserer Jugendzeit auch unsere Kämpfe geführt. Bis sie von zu Hause ausgezogen ist hatten wir immer ein gemeinsames Zimmer - zu ihrem Leidwesen, zu meiner Freude. Aber ernsthaften Streit hatten wir nie.
Nie hatte ich das Gefühl, dass wir uns besonders nahe standen. Es war einfach immer so wie es war - wir waren eben Schwestern und nie habe ich mir Gedanken über unser Verhältnis gemacht.
In letzter Zeit ist das anders. Wir haben jetzt eine gemeinsame Aufgabe, gemeinsam Verantwortung übernommen. In den letzten sechs Wochen hatten wir mehr Kontakt als sonst in einem halben Jahr (was nicht daran liegt dass wir kein Interesse daran haben uns zu sehen, uns fehlt ganz schlicht und einfach die Zeit!). Wir sehen uns viel öfter als davor und wir hören uns täglich.
Und ich stelle fest: es gefällt mir! Es ist schön dass wir ein Stück enger zusammengerückt sind, es ist schön, so viele Gespräche zu führen. Auch über Themen, die wir bisher nie besprochen haben.
Ja, in den letzten Wochen ist mir eines mehr als klar geworden: so vierschieden wir auch sind, so ählich sind wir uns doch auch in vielen Dingen. Ich liebe meine Schwester und ein Leben ohne sie wäre nur halb so schön....
Mit der Jüngsten ist es irgendwie komplett anders. Als sie geboren wurde war ich schon halbwegs groß. Damals war sie für mich so etwas wie eine lebende Puppe. Unsere Mama hat uns beiden "Großen" sehr in die Pflege einbezogen. Wir durften - oder mussten? - sie wickeln, baden, auf sie aufpassen, mit ihr spazieren gehen, sie ins Bett bringen und eben all das machen, was gemacht werden muss. Es gefiel uns - oder zumindest mir - gebraucht zu werden und Mama zu helfen.
Später übernahmen wir es, sie über die wichtigen Dinge im Leben aufzuklären.
Allerdings, und das tut mir heute leid, war sie erst acht bzw. zehn als wir beiden älteren auszogen. So hab ich sehr viel nicht mitgekriegt. Naturgemäß haben wir uns ab dem Zeitpunkt, wo wir älteren unser eigenes Leben hatten, weniger gesehen.
Ich hab ihren ersten Freund nicht mitgekriegt, sie bei ihrem ersten Liebeskummer nicht trösten können.....alles, was mit der älteren selbstverständlich war, hab ich bei der jüngeren versäumt. Auch banale Dinge wir miteinander für Schularbeiten oder Tests lernen fielen bei der jüngeren weg.
Irgendwie war sie Einzelkind mit Geschwistern.....
Es gab schon auch Dinge, die mich ärgerten. Und die Älteste noch mehr. Zum Beispiel dass Zeitvorgaben beim Fortgehen am Abend bei ihr viel großzügiger ausfielen als bei uns. Dass unser Papa mitten in der Nacht überall hingefahren ist um sein "Nestscheisserl" abzuholen - das wär ihm bei uns anderen nie im Leben eingefallen!!
Ja, ich liebe meine kleine Schwester. Aber es ist anders. Wir haben weniger Berührungspunkte als wir beiden älteren.
Ich fühle mich auch heute noch eher wie eine Mama als eine Schwester. Immer habe ich das Gefühl auf sie aufpassen zu müssen. Obwohl ich genau weiß dass sie das sehr gut selbst kann. Immerhin war sie die einzige von uns dreien, die fast drei Jahre alleine im Ausland gelebt hat.
Ohne meine Schwestern wäre ich nur halber Mensch. Ich kann mir nicht vorstellen, ein Einzelkind zu sein - dieser Gedanke lässt mich regelmäßig erschaudern....
Es gibt nur eines, das ich inständig hoffe: dass wir nicht eines Tages so werden wie meine Mama mit ihren beiden Brüdern oder mein Papa mit seinen vier Geschwistern. Aus den verschiedensten Gründen redet der eine mit dem anderen und der andere mit dem einen nichts mehr. Furchtbar find ich das, zumal es - aus meiner Sicht - wirklch nichtige Gründe sind. Und für meine Oma war es nicht leicht, die Kinder "verfeindet" zu sehen.
Ich hoffe für uns drei, dass wir uns unser Leben lang nahe sein werden. Dass wir uns nicht aus irgendwelchen Gründen überwerfen werden.
Meine Schwestern und ich - wir drei gehören zusammen. Denn so verschieden wir auch sein mögen, so unterschiedlich unsere Sichtweisen oft auch sind: wir sind eine Familie, aus dem selben Fleisch und Blut. Und das ist einfach nur schön!!